Die Wanderjahre der Tischlergesellen

Bei der Tischlerei Goer setzen wir neben allen modernen Werkstoffen, Maschinen und Techniken immer noch sehr auf Tradition. Grund genug, unseren oft danach fragenden Kunden zu erklären, was es mit dieser alten Tradition der Walz auf sich hat, zu der sich viele Handwerkergesellen nach Abschluss ihrer Ausbildung auch heute noch verpflichtet fühlen.

Die Walz – auf den Spuren einer jahrhundertealten Tradition

Sinn und Zweck der Walz für junge Handwerker:innen ist schon seit dem 12. Jahrhundert, andere Regionen und Kulturen kennenzulernen, Lebenserfahrung zu gewinnen und vor allem, neue Fertigkeiten und Techniken in ihrem Fach zu erlernen. Dazu muss der Meister seinen Lehrling „freisprechen“. Ohne die Walz konnten Gesellen bis zum 18. Jahrhundert gar keine Meisterprüfung absolvieren. Während die Dauer und der genaue Ablauf der Walz meistens von den einzelnen Zünften selbst geregelt wurde, gelten einige Grundregeln übergreifend.

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Voraussetzungen

Die Gesellen müssen ledig, kinderlos, schuldenfrei und frei von anderen Wanderverpflichtungen sein.

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Ablauf

Sie übernachten in der Regel in der Fremde, arbeiten in verschiedenen Betrieben auf dem Weg und dürfen kein eigenes Auto oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

Traditions-Kluft

Die traditionelle Kleidung besteht aus der Ehrbarkeit (eine Art Krawatte), dem Hut (ganz frei wählbar) und dem Stenz (Wanderstock). Außerdem ist ein Wanderbuch Pflicht.

Überall zuhause – nur nicht zu Hause

Während der drei Jahre (und einen Tag) dauernden Wanderschaft müssen die zünftigen Gesellen einen Abstand von 50 km von ihrem Heimatort wahren. Demzufolge schwankt die Zahl derer, die sich dieser bei vielen Betrieben durchaus geschätzten Tradition unterziehen, über die Zeit stark. Anfang 1900 waren noch vierstellige Zahlen unterwegs, was der Kriegsdienst in den Weltkriegen natürlich stark dezimiert hat. Im Aufschwung der Nachkriegs-BRD mit ihrem Wohlstand hatten auch nur Wenige Lust, drei Jahre auf der Straße zu leben und große Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Erst während der 1980er Jahre entschieden sich wieder mehr Handwerker für die Walz und die alte Tradition lebte merkbar auf.

Heute lebt die Walz auch von Strömungen und Megatrends, die wir auch in unserer Arbeit spüren: Dem gesellschaftlichen Streben nach alternativen Lebensweisen, Entschleunigung und Rückbesinnung auf ein natürlicheres Leben, aber auch der Emanzipation der Frauen. Moderne Zünfte, sogenannte „Schächte“, lassen endlich auch Frauen zu und unterscheiden sich in ihren Strukturen oft stark von den etwas angestaubten Traditionsschächten der letzten Jahrhunderte.

Wer geht überhaupt auf die Walz?

Damals wie heute sind es traditionelle Handwerksberufe, die ihre Gesellen auf die Walz schicken. Neben Tischlern (oder süddeutsch Schreinern) sind das vor allem

  • Zimmerer
  • Dachdecker
  • Maurer
  • Steinmetze/Steinsetzer
  • Betonbauer
  • Stuckateure
  • Holzbildhauer

und sogar Bäcker. Sie alle müssen allerdings einer Zunft angehören; das ist so etwas wie heute die Handwerkerinnungen.

Fazit: Die Walz ist heute unter Tischlern wieder attraktiv.

Alles andere als ein lockerer Wandertrip, klingt immer noch einiges an der Walz altmodisch. Aber mit den altertümlichen Regeln und der Entschleunigung der Walz geht für viele junge Leute auch die Rückbesinnung auf Werte einher, die längst verloren scheinen: Ehrlichkeit, Fleiß, Anstand und Stolz auf die eigene Arbeit. Handwerker sind nunmal ausschlaggebend für die deutsche Wirtschaft ;und wo immer ein Haus gebaut wird, findet sich mit Sicherheit der eine oder andere „Fremde” (so werden die Walzgänger genannt), der nicht einfach an einem Haus arbeitet, sondern vielmehr für die Zukunft seiner Zunft und unseres ganzen Landes.

Tischlergesellen auf der Walz